Montag, 11. März 2013

"Die Frau des Zeitreisenden" von Audrey Niffenegger




vintage-books (2005)
 "The Time Traveller's Wife" ist grundsätzlich und vor allem eine Liebesgeschichte: Der einzigartigen und großartigen Liebesgeschichte zwischen Henry und Claire, die allein durch Henrys Fähigkeit zur Zeitreise überschattet beziehungsweise noch spezieller gemacht wird. Es handelt sich dabei allerdings weniger um eine Fähigkeit als um eine Krankheit - epileptischen Anfällen gleich wird Henry unvorgesehen durch die Zeit geschleudert, ohne auf Zeit/Ort/Dauer Einfluß nehmen zu können. Anscheinend ist ein Gendeffekt dafür verantwortlich. Es werden hier aber nicht die üblichen Fragen von Zeitreisen diskutiert, sondern dieser wundersame Umstand ist die Rahmenbedingung.

Claire lernt den schon erwachsenen Henry schon als Kind kennen (in Normalzeit ist Henry acht Jahre älter als Claire), während er ihr zum ersten Mal in ihren und seinen Zwanzigern begegnet. Das mag konfus erscheinen, aber eines der großen Kunststücke von Audrey Niffenegger ist es, die Geschichte ohne größere Verwirrungen für die Leserin (also mich) zu erzählen und das obwohl man von Anfang an mitten in die Geschichte gestossen wird. Abwechselnd wird aus Claires oder Henrys Perspektive erzählt um langsam ein Großes und Ganzes entstehen zu lassen.

Aber trotz der originellen Idee und der klaren Beherrschung der Erzähltechnik, hat mich der Roman kalt gelassen. Die Liebe zwischen Henry und Claire war seltsam platt - nachdem sie sich dann in Echtzeit getroffen haben, scheint es überhaupt keine Weiterentwicklung zu geben. Sie lieben sich dann einfach (sofort), weil sie ja sowieso wissen, dass sie heiraten werden. Claire stellt sich nie die Frage, wie sie sich entwickelt hätte, wenn Henry ihr nicht schon als Kind erschienen wäre (und sie dadurch stark in ihrer Entwicklung beeinflusst hat). Nie fühlt sich einer der beiden von dieser entsetzlichen Vorherbestimmung auch nur im geringsten bedrängt. Es entwickeln sich auch keine Schwierigkeiten daraus, dass sie eigentlich nie gemeinsam etwas zum ersten Mal erleben (sondern fast immer zeitversetzt). Niffenegger ist so damit beschäfitgt zu beschreiben was sie tun und wie sie es tun (endloses Kaffe kochen und trinken zum Beispiel), dass kaum etwas für "was sie dabei fühlen" übrig bleibt.

... I walk right through to the back window, peer out the backyard, and there's my future studio, and there's the grape arbor and as I turn around Carol looks at me inquisitively and I say, "We'll buy it."
She is more than a bit surprised. "Don't you want to see the rest of the house? What about your husband?"
"Oh, he's already seen it. But yeah, sure, let's see the house." 

 Wäre da nicht Henrys Zeitproblem, müsste man wirklich kein Buch über die beiden schreiben. Beide sind enorm attraktiv und begehrenswert, Claire ist bildende Künstlerin und Henry extrem belesen (er zitiert Rilke) und musikalisch am Puls der Zeit (er war ein Punk... und zwar ein richtiger Punk, ok?), sexuell sind sie übermässig aktiv (das scheint dann auch die Basis für ihre Liebe zu sein) und Geldsorgen gibt es dank Zeitreisen auch keine (mal abgesehen davon, schafft es Henry trotz ständig unerklärter Abwesenheit seinen Job zu behalten)...

And this astoundingly beautiful amber-haired tall slim girl turns around and looks at me as though I am her personal Jesus. My stomach lurches. Obviously she knows me, and I don't know her. Lord only knows what I have said, done, or promised to this luminous creature... (Henry über Claire)

Die Nebenfiguren sind eigentlich spannender als Claire und Henry. Da ist die verzweifelte und selbstzerstörrerische Exfreundin von Henry, die über ihre Trennung nicht hinweg kommt (es ist nicht ganz klar, ob Ingrid sowieso schon gestört war oder ob Henry da seinen Teil dazu beigetragen hat...). Oder die besten Freunde: Gomez und Charisse. Gomez ist eigentlich unsterblich in Claire verliebt und wartet nur darauf, dass Henry entgültig verschwindet. Um die Zeit zu füllen heiratet er trotzdem mal Charisse (die sich seiner Claire Leidenschaft anscheinend bewusst ist) und bekommt mit ihr drei Kinder. Audrey Niffenegger geht ziemlich herzlos mit ihren Nebenfiguren um (die aber ohnehin wenig Platz in ihrem Roman haben) und schafft dabei mehr oder weniger unsympathische Hauptfiguren (wahrscheinlich noch ein Grund warum mich ihre Liebesgeschichte so wenig interessiert).

Jedenfalls haben es weder die fantastischen, noch die realistischen Tiefpunkte des Wunderpärchens es geschafft, mich irgendwie für sie und ihre Liebe einzunehmen. Für mich fehlen einfach grundsätzliche Menschlichkeiten; es gibt keine wirklichen Ungewissheiten und keine Erschrecken vor der Gewissheit. Zusätzlich war so vieles  unnötig in die Länge gezogen (um dann trotzdem an der Oberfläche zu bleiben - es gibt endlose Beschreibungen von Mahlzeiten und ständige Wichtigtuerei durch Erwähnung von klassischer Musik, Literatur und Kunst). 200 Seiten weniger hätten dem Buch nicht geschadet.
Wahrscheinlich sollte man über Geschichten zu denen man keinen Zugang gefunden hat, einfach schweigen. Aber ich kann einfach manchmal nicht an mich halten, speziell da diese Buch anscheinend so viele begeistert und mir von vertrauenswürdigen Menschen empfohlen wurde. Und wahrscheinlich bin ich einfach sauer, weil ein Buch mit so guten Zutaten (zumindest für mich) einfach so langweilig geworden ist. Ja, manchmal bin ich so kindisch.



Audrey Niffenegger, The Time Traveller's Wife, 2004

Audrey Niffenegger, Die Frau des Zeitreisenden, 2005










Kommentare:

  1. Wir scheinen einen ähnlichen Geschmack zu haben nachdem was ich hier bisher lesen durfte. Auch wenn ich bisher nicht in die Welt der Klassik eingedrungen bin, so wie du. Aber spätestens nach dieser Rezi zeigt sich, dass der Geschmack ähnlich ist, denn mich hat diese Geschichte ebenfalls nicht berührt, auch wenn sie in sich stimmig war: irgendetwas fehlte.
    Also, ab jetzt folge ich dir ;-)

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    1. huihui, gibt es irgendeine blogger etikette für den allerersten kommentar? Soll ich dir Champagner schicken oder dich schick zum essen ausführen? Jedenfalls freue ich mich sehr und werde dich gnadenlos zurück verfolgen :) einen sehr schönen blog hast du da und speziell der Vanillekranz schaut sehr beeindruckend aus.

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  2. Gibt es eine Bloggeretikette für den allerersten Kommentar, da fragst du genau die Richtige. Allerdings erwähne ich kurz, dass ich die ersten Kommentare bei mir gelöscht habe mangels ordentlichen Benehmens. Du musst es mir aber nicht gleichtun.
    Wir können uns ja einfach wilde Verfolgungsjagden leisten und bei Champagner und Vanillekranz pausieren.
    Ich freu mich, denn mir gefallen deine Posts. Die Sache mit dem Seetang und den Lippenstiften fand ich herrlich.

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