Nachdem 2014 bei mir ohne Absicht im Zeichen der Kinder- beziehungsweise Jugenbücher steht, liegt es irgendwie nahe sich daran zu erinnern was man als tatsächliches Kind so an Büchern konsumiert hat. In meiner Erinnerung ist mein erstes "selbst gelesenes" Buch dieses hier:
Erstmals erschienen ist der böse
Hatschi Bratschi anscheinend im Jahr 1904, geschrieben vom
österreichischen Marineoffezier Franz Karl Ginzkey.
Das "selbst gelesen" steht deswegen unter Anführungszeichen, weil ich damals noch gar nicht lesen konnte, aber ich mir das Buch so oft vorlesen ließ bis ich es auswendig konnte und dann habe ich eben so getan als ob... das ich für eine glaubwürdige Darstellung auch einmal umblättern hätte müssen, war mir da nicht so klar. Eine Textstelle ist mir heute noch im Kopf...
Drin sitzt, die Pfeife in der Hand
Ein Zauberer aus dem Morgenland*.
Der böse Hatschi Bratschi heißt er,
Und kleine Kinder fängt und beißt er.
O Fritzchen, Fritzchen, lauf davon,
Sonst kommst du in den Luftballon!
Ach, Hatschi Bratschi hat ihn schon!
Er hat ihn schon und hält ihn fest,
Weil er mit sich nicht spaßen läßt.
Da werden in Reimform schon mal die zukünftigen Ängste indoktriniert. Als Kind war mir das natürlich nicht so bewusst - in dem Alter ist man ja weniger reflektiert und saugt alles auf wie ein Schwamm. Deswegen ist das wahrscheinlich auch der richtige Zeitpunkt für belehrende Werke wie Hatschi Bratschi und Struwelpeter (auch ein Begleiter meiner Kindheit). Das kleine Tantchen war außerdem vor allem von den Bilder faszieniert - besonders gut kann ich mich an die Illustration von "Datteln" erinnern. Ich hatte nämlich keine Ahnung was das sein sollte. Ähnlich ging es mir übrigens auch bei meinem ersten Garfield Comic - Lasagne war für mich auch ein sehr befremdliches Gericht und über die Illustrationen so gar nicht nachvollziehbar. Deswegen bin ich heutzutage wahrscheinlich auch so neugierig auf Essen aus aller Welt.
*In der Originalversion ist es ein Türke aus dem Türkenland. Aber ich hatte schon eine "korrektere" Variante.
Die Chrestomanci Serie von Diana Wynne Jones ist ein unbedingter Tip für Harry Potter Freunde. Und bevor zu große Plagiats Ängste ihren Platz einnehmen wollen - Chrestomanci gab es schon eine Weile vor Harry Potter. Zwischen 1977 und 2006 entstanden sieben Bände dieser Kinderbuch Serie, die mir bis jetzt (nach drei Bänden) große Freude bereitet hat. Die Bücher müssen in keiner bestimmten Reihenfolge gelesen werden, aber mit jedem Band kommt einen neue Detailinformation hinzu. Es breitet sich hier einen komplexen ineinander verwobenen Geschichtenteppich aus, der eigentlich nie ins stolpern gerät und man kann sich einfach jeweils für einen bunten Faden (= Buch) entscheiden. Es fehlt auch nicht eine (von mir sehr gemochte) leicht schaurige Seite, die sich meiner Meinung nach sehr oft in der britischen (Kinder)literatur findet. Das liegt vielleicht daran, dass es auf der Insel üblich war Kinder ziemlich früh in entfernte Internate zu schicken, wo sie ihre ersten Erfahrungen in der Welt fernab von der schützenden elterlichen Hand machen.
Neugierig Gewordene, die sich komplett überraschen lassen wollen und meinem Buchttip schon jetzt vollstes Vertrauen schenken, sollten an dieser Stelle diesen kleinen Blog verlassen und stattdessen eines der Bücher aufschlagen. Alle anderen (die mir offensichtlich nicht so vertrauen!!!) lesen noch ein kleines Stück weiter - es wird nichts Dramatisches verraten, aber der erste Band (Charmed Life) wird vielleicht so eine Spur früher durchschaubar.
Chrestomanci ist ein Titel, den der jeweilige Zauberer bekommt, der einerseits die magische Besonderheit von neun Leben aufweist und sich andererseits natürlich auch sonst als würdig erweist. Denn Chrestomanci hat die schwierige Aufgabe die Zauberwelt zu überwachen damit diverse Regeln zum Schutz des Allgemeinwohls eingehalten werden. Deswegen kann man in großer Not auch einfach drei mal seinen Namen sagen und dann muss er erscheinen - egal in welchem der neun (bekannten) Universiiiii (???) sich der Notleidende befindet. Das erklärt vielleicht warum er zu jeder Stunde peinlich genau auf sein Äußeres achtet. Damit nicht genug muss er außerdem auch noch nach seinem Nachfolger Ausschau halten.
Trotz dieser mannigfaltigen Aufgaben steht aber eigentlich nicht Chrestomanci selbst im Mittelpunkt. Um ihn kreisen nur die diversen Geschichten. Im Mittelpunkt steht ein bis mehrere Kinder in unterschiedlichen Situationen. Eltern gibt es keine beziehungsweise kümmern sie sich nur bedingt und man ist auch nicht Teil der beliebten Gruppe, sondern mehr Mauerblümchen und Randfigur. Das heißt aber auch nicht zwingend, dass sich immer um sympathische Kinder handelt, sondern um sehr reale, widerspenstige, sich-selbstbemitleidende, besserwissende Kinder, die sich da durch die eine oder andere gefährliche Situation kämpfen. Natürlich resistent gegen gutgemeinte Ratschläge und immer mißtrauisch gegenüber den falschen Personen, machen sie sich das Leben schwerer als nötig, zeigen dafür umso mehr eigenen Kampfgeist.
So viel kann ich zumindest nach drei gelesenen Bänden vermelden. Und ich finde die Bücher sind großartig - eine liebevoll entworfene Welt mit ebenso liebevollen (wenn auch kratzigen) kleinen Helden. Ich liebe solche Bücher wenn man sich einmal in einem "Lese-Tief" befindet und man sich mit leichter, aber gut geschriebener Literatur durch den tristen Alltag bringen möchte. Und wenn man kleine Mitmenschen hat, denen man vorlesen möchte - umso besser.
Inspector Morse ist nicht ganz so ein alter (aber wirklich geliebter) Hut, wie die Krimis die ich sonst lese, aber wirklich frische Ware biete ich hier auch nicht an. Trotzdem muss Morse hier einmal erwähnt werden, besonders nachdem ich gerade vor kurzem wieder einmal einen Band gelesen habe und mir die speziellen Eigenheiten dieses Inspectors wieder frisch in Erinnerung sind.
Inspector Morse ist eine Erfindung des britischen Autors Colin Dexter, der zwischen 1975 und 1999 dreizehn Bände mit Morse in der Hauptrolle schrieb. Colin Dexter selbst studierte "klassische Kulturen" (d. h. die Kultur, Sprache, Philosophie, Kunst etc. der römische und griechische Antike) in Cambridge um dann später zu unterrichten. Die universitäre Bildung des Autors merkt man oft an der Wortwahl selbst. Da kann man wunderbar verschraubte Sachen lesen, wie zum Beispiel:
"His sullen, dolichocephalic face could have been designed by some dyseptic El Greco, [...]" (Daughters of Cain)
Aber auch Morse selbst hat einiges an intellektuellem Dünkel zu bieten: Er fährt einen Jaguar, liebt klassische Musik (besonders Wagner), Poesie, schwierige Kreuzworträtsel und trinkt (durchaus auch schon zu früher Stunde) gerne britisches Ale. Er hatte ursprünglich ein Stipendium für die Universität, verlor dieses jedoch aufgrund von schwachen Noten nach einer unglücklichen Liebesaffäre. Aber auch ohne Abschluss ist Morse überdurchschnittlich intelligent und hat eine Päckchen mit Vorurteilen und festen Ansichten. Er wirkt oft egoistisch und launisch, trotzdem offenbart sich auch oft eine sanfte Seite. Der klassische geniale Eigenbrödler mit starkem Gerechtigkeitssinn und Pech bei den Frauen.
Ihm zur Seite steht Detective Sergeant Lewis; aus der Arbeiterklasse stammend und auch sonst mehr das Gegenteil von Morse, ist er unverzichtbar für ihn. Oft leidet man mit Lewis, wenn Morse mit ihm besonders launisch umgeht, aber dann merkt man wieder an kleinen Dingen, wie sehr sich die beiden schätzen - vergleichbar vielleicht mit der klassischen Holmes und Watson Freundschaft.
Die Krimis selbst sind langwierig und vielschichtig. Ich muss ehrlich zugeben, dass es manchmal schwierig ist Morse Lösungswegen zu folgen, aber es macht (zumindest mir) eine wahnsinnige Freude die Beschreibungen der Stadt (Oxford) und der einzelnen Charaktere zu lesen. Hier fällt keine der handelnden Personen flach aus und ihre Motivation sind nachvollziehbar. Oft passieren mehrere Erzählstränge nebeneinander, die sich erst zum Schluss zu einem Ganzen verbinden und eine Lösung präsentieren.
Morse wurde übrigens auch verfilmt mit dem großartigem (und leider verstorbenen) John Thaw in der Hauptrolle. Danach wurde eine Serie mit Lewis in der Hauptrolle entwickelt (die stimmigerweise auch "Lewis" heißt). Außerdem ist es ja gerade wahnsinnig modern, die Vorgeschichten zu diversen Klassikern zu drehen und daher gibt es jetzt auch eine Miniserie namens "Endeavour", die Morse in jungen Jahren zeigt. Alle drei Serien sind wirklich gut gemacht und ein schönes Kontrastprogramm zu hunderttausend CSI Varianten, wenn man denn gerne mal einen Krimi schaut. Und dann sollte es natürlich ein Englischer sein ;)
Was sind die Austen Abenteuer? Bitte hier nachlesen :)
"Emma Woodhouse, handsome, clever, and rich, with a comfortable home and
happy disposition, seemed to unite some of the best blessings of
existence; and had lived nearly twenty-one years in the world with very
little to distress or vex her."
Der Roman beginnt mit einer Hochzeit - Emmas Gouvernante heiratet und Emma versucht nun den ersten Abend mit ihrem Vater so unterhaltsam und friedlich wie möglich zu gestalten. Gott sei Dank bekommen sie auch Besuch von Mr. Knightly, einem alter Freund der Familie und so ziemlich der Einzige, der Emma hin und wieder widerspricht.
Dieser sich ankündigende zurückgezogene Lebensstil entspricht so gar nicht Emmas Charakter und da sie keine junge Dame ist, die sich mit lesen oder Stickerei lang beschäftigen kann, verfolgt sie bald ein neues Projekt. Miss Harriet Smith wird zur Freundin gemacht und soll durch Emmas Einfluss kultivierter und attraktiver gemacht werden um schließlich als krönenden Abschluss möglichst vorteilhaft verheiratet zu werden. Emma biegt sich hier eine Welt zu ihrem großen Unterhaltungswert und erst als sie die Folgen ihres unüberlegten Handelns nicht mehr leugnen kann, beginnt bei ihr ein Prozess der Läuterung.
"She [Emma] would notice her [Harriet Smith]; she would improve her; she would detach her from
her bad acquaintance, and introduce her into good society; she would
form her opinions and her manners. It would be an interesting, and
certainly a very kind undertaking; highly becoming her own situation in
life, her leisure, and powers."
Emma hat es als Einzige von Jane Austens Protagonistinnen auch auf den Titel geschafft und ist auch im Gegensatz zu ihren Kolleginnen als Einzige finanziell unabhängig - das heißt, schon ganz zu Beginn des Romans stellt Emma fest, dass Heiraten nichts für sie ist.
"The real evils, indeed, of Emma's situation were the power of having
rather too much her own way, and a disposition to think a little too
well of herself. […] The danger, however, was at present so unperceived,
that they did not by any means rank as misfortunes with her."
Der erste Eindruck von Emma ist der einer verwöhnten, sich selbst überschätzenden Göre, die aufgrund ihrer sozialen Stellung und ihres ungebremsten Charakters mehr Schaden anrichtet als man möglich meinen möchte. Dabei hat sie ein gutes Herz und einen klugen Kopf auf ihren wohlgeformten Schultern. Aber wie in allen Austen Romanen fehlt eine starke leitende Hand. Ihre Mutter ist früh gestorben, der Vater ist hauptsächlich mit mit seinem schwachen Gesundheit beschäftigt und ihre (ehemalige) Gouvernante ist ihr eine gute, aber allerhöchstens ebenbürtige Freundin. Allein Mr. Knightly, ein guter Freund der Familie und einige Jahre älter als Emma, schafft es hin und wieder etwas strenger mit ihr zu sein und versucht sie ein etwas besonneres Wesen zu verwandeln.
Natürlich entdeckt auch Emma bei sich erste Verdachtsmoment der Verliebteheit, aber erst nach einigen falschen Fährten und nicht spätestens nachdem sie ihre Freundin Harriet fast komplett ins Unglück gestürzt hat, merkt Emma wo ihr wahres Glück liegt.
“If I loved you less, I might be able to talk about it more.”
Emma ist sicher die leichtfüssigste in Jane Austens Frauenrunde. Durch ihre soziale Stellung hat sie mehr Freiheiten und das besondere an ihr ist auch, dass sie nicht durch ihre Verliebtheit eine Wandlung erfährt, sondern erst nach der Wandlung ihre Liebe erkennen kann. Durch ihr vermeintliches Spinnen von Heiratsglück für andere und die Fehler, die sie dabei macht, lernt sie mehr über sich selbst und ihre kleinen Schwächen. Die passiert eigentlich sehr selbständig mit nur leichten Richtungsweisern. Aber erst dann ist es ihr möglich zu erkennen, wem ihr Herz gehört. Neben dieser Erkenntnis hat Jane Austen aber hier alle möglichen Pärchenkonstellationen verarbeitet - jeder Topf bekommt sein Deckelchen beziehungsweise jedeR bekommt was er verdient. Man bekommt auch einen (für mich zumindest) überraschenden Einblick in die Liebesbriefe dieser Zeit. Da Briefe das einzige Mittel zur Kommunikation war, wurde offenbar jegliche noch so irrelevante Information dem meilenwert entfernten Liebhaber kundgetan. So steht eine geheime Liebesgeschichte fast auf der Kippe, weil der so liebevoll Adressierte davon weiß, dass einer der unzähligen Nachbarn sich doch eine neue Kutsche zulegen wollte. Da niemand, der mit ihm in offizieller Kommunikation stehenden ihm diese wertvolle Information gegeben haben kann, kommt es zu einem Geraschel und Geraune in der Gesellschaft und die heimlich Verliebten stehen kurz vor der Entdeckung.
"Emma" ist neben "Stolz und Vorurteil" ein wunderbar fluffiger Einstieg in das Austen Universum und mir persönlich ist die etwas arg von sich überzeugte Emma sogar etwas lieber als die scharfzüngige Lizzy Bennet aus Stolz und Vorurteil.
Wunderbare Seite über Kleidung, Sitte etc. zur Lebenszeit von Jane Austen: Jane Austen's World
La Toilette, Boucher, 1742. Image@francoisboucher.org
“I am Emma Woodhouse. I feel for her, of her and in her. I have a
different sort of snobbism, but I understand her snobbism. Her
priggishness. I admire it. I know she does wrong things, she tries to
organize other people's lives, she can't see Mr Knightley is a man in a
million. She's temporarily silly, yet all the time one knows she's
basically intelligent. Creative, determined to set the highest
standards. A real human being.” John Fowles, The Collector
Mit einem unerklärlichem Südstaatentick ausgestattet und nachdem ich letztes Jahr mit großer Begeisterung "Gone with the Wind" gelesen habe, musste ich früher oder später natürlich auch "Gute Geister" (im engl. Original: "The Help") lesen.
"Vom Winde verweht" wird in "Gute Geister" öfters erwähnt - es ist
quasi das Negativ von dem sich "Gute Geister" abheben will. Das "Vom
Winde verweht" voller verklärender Romantik der eigenen Geschichte
gegenüber ist, möchte ich gar nicht bestreiten. Aber als aufmerksame
Leserin wird einem der innwohnende Rassismus der damaligen Gesellschaft
kaum entgehen. Es stimmt, dass Scarletts heißgeliebte "Mammy" nicht nach
ihrer Meinung gefragt wurde; es ist kein Buch, dass die Sklaverei aus
der Sicht der Betroffenen zeigt. Aber es zeigt die Täter (wenn auch von
der Autorin ungewollt) sehr wohl; vielleicht nicht die offen brutalen
Sklavenhalter, aber die "netten", die das System genauso mitgetragen
und mitgestaltet haben. Kathryn Stockett will also nun in ihrem Buch den schwarzen Haushaltshilfen eine Stimme geben.
"And," I felt compelled to continue, "everyone knows how we white people feel, the glorified Mummy figure who dedicates her whole life to a white family. Margaret Mitchell covered that. But no one ever asked Mammy how she felt about it." (Miss Skeeter zu Elaine Stein)
Die Geschichte spielt in Jackson, Missisippi in den Jahren der Bürgerrechtsbewegung. Schwarze müssen getrennte Toiletten, getrennte Eingänge und eigene Bibliothekten benützen. Schwarze Frauen arbeiten als Dienstmädchen für weiße Familien und ziehen ihre Kinder groß, dürfen aber nicht am selben Tisch essen wie ihre Arbeitgeber. Es wird aus drei Perspektiven erzählt - da sind die schwarzen Haushaltshilfen Abileen und Minnie und "the white lady" Miss Skeeter. Miss Skeeter will Journalistin werden und nachdem sie in New York zu einem Verlag Kontakt aufnimmt, entsteht die Idee eine Sammlung von Interviews mit schwarzen Haushaltshilfen über ihr Leben und ihre Arbeit zu machen. Sie findet eine Verbündete in Abileen, doch die Arbeit an dem Buch gestaltet sich schwierig. Groß sind die Grenzen, die es zu überwinden gilt und groß sind auch die Gefahren.
Die Autorin des Buches, Kathryn Stockett, ist weiß und aus Missisippi. Man braucht das Nachwort im Buch eigentlich nicht lesen, um zu realisieren, dass sie sich mit der Figur von Miss Skeeter selbst beschreibt; aber das Nachwort hilft das Buch als das anzunehmen, was es sein will.
Denn die große Frage ist, inwieweit kann eine Weiße heute aus der Perspektive von schwarzen Angestellten in den 60ern schreiben? Wie weit kann man sich wirklich in eine Situation versetzen, die man selbst nie erlebt hat und so auch hoffentlich nie erleben wird? Wie kann man die Stimme der Opfer annehmen, wenn man eigentlich zu den Tätern gehört? In einem Abschnitt des Buches heißt es:
"White people been representing colored opinions since the beginning a time."
Passiert das nicht auch hier? Darf man das? Ich habe dazu noch immer keine abgeschlossene Meinung... Denke ich (zum Beispiel), dass eine weibliche Autorin nicht aus der Perspektive eines männlichen Protagonisten schreiben darf? Eigentlich nicht. Denke ich, dass ein Mann einen feministischen Roman aus der Sicht einer Frau schreiben kann? Vielleicht, aber ich stelle es mir schwierig vor. Möchte ich, dass fiktiver Literatur Fesseln einer bestimmten Perspektive auferlegt wird? Sicher nicht! Wäre es besser gewesen Kathryn Stockett hätte von Abileen und Minnie aus der Perspektive von Miss Skeeter erzählt? Ich weiß es nicht. Kathryn Stockett selbst schreibt, dass sie selbst nicht rechtzeitig daran gedacht hat ihre "Mammy" Demetrie nach ihrer Meinung zu fragen und dass sie mit ihrem Buch eine Annäherung, ein Verstehen versucht:
"What I'm sure about is this: I don't presume to think that I know what it really felt to be a black woman in Mississippi, especially in the 1960s. I don't think it is something any white woman on the other end of a black woman's paycheck could ever truly understand. But trying to understand is vital to our humanity." (Kathryn Stockett im Nachwort zu "The Help")
Abgesehen davon liest sich das Buch schnell und man fühlt mit Abileen, Minnie und Miss Skeeter. Die Charaktere selbst sind etwas flach, wie von der Stange. Man hat die gutherzige Abileen und die zornige Minnie. Es sind also die grundsätzlich möglichen/vorstellbaren Gefühlswelten abgedeckt. Von den anderen interviewten Haushaltshilfen erfährt man wenig. Einen etwas größeren Auftritt bekommt noch Gretchen, die Miss Skeeter vorwirft, dass sie nur eine weitere Weiße ist, die von den Schwarzen profitieren will. Die weinerliche Verletztheit von Miss Skeeter und die Empörung von Abileen nach Gretchens Auftritt, sind allerdings etwas schwer verdaulich.
Im englischen Original haben Abileen und Minnie einen augeprägten Dialekt, während alle Weißen perfektes Englisch sprechen. Ein Detail, dass sicher zur "Authentizität" beitragen soll, aber zumindest bei Miss Celia etwas ins Stolpern gerät - Miss Celia wird als "white trash" mit einem tiefen Südstaaten Slang beschrieben - in der direkten Rede jedoch merkt man davon bei ihr aber nichts.
Miss Skeeter ist wahrscheinlich der am besten ausgearbeitete Charakter, was aufgrund der autobiographischen Züge nicht verwundert. An ihr wird auch deutlich gezeigt, wie leicht sie Teil dieses Systems werden hätte können und dass uns oft nur kleine Abweichungen und Zufälle davor retten, den bequemen Weg zu gehen.
Im klassischen 5-Sterne System habe ich dem Buch vier gegeben, was vielleicht verwundert. Aber trotzdem alle meine Zweifel bestehen bleiben, sind sie erst beim späteren Nachdenken verstärkt in den Vordergrund getreten. Beim Lesen selbst konnte ich mich voll auf die Geschichte einlassen und das Buch kaum aus der Hand legen. Ich hoffe aber bald Susan Tucker's "Telling Memories among Southern Women" habhaft zu werden - ein Buch mit 42 Interviews mit schwarzen und weißen Frauen, das auch Kathryn Stockett für ihr Werk gelesen hat.
Martin Luther King - "I have a dream" Speech - 28. August, 1963